Bewertungsmethoden für SaaS-Unternehmen
Die Bewertung eines SaaS-Unternehmens folgt speziellen Metriken, die die Besonderheiten des Geschäftsmodells berücksichtigen. Im Gegensatz zu traditionellen Unternehmen, bei denen oft ein EBITDA-Multiple angewendet wird, spielen bei SaaS-Unternehmen wiederkehrende Umsätze eine zentrale Rolle.
MRR/ARR-Multiplikatoren
Der monatlich wiederkehrende Umsatz (MRR) oder jährlich wiederkehrende Umsatz (ARR) bildet die Grundlage für die gängigste Bewertungsmethode im SaaS-Bereich. Abhängig von Faktoren wie Wachstumsrate, Marktposition und Unternehmensgröße werden typischerweise Multiplikatoren zwischen 3x und 15x des ARR angesetzt.
| Unternehmensgröße | Typischer ARR-Multiplikator | Einflussfaktoren |
| Micro SaaS ( | 2-4x | Gründerabhängigkeit, begrenzte Skalierbarkeit |
| Klein (500K€-2M€ ARR) | 3-6x | Wachstumsrate, Churn Rate, Kundendiversifikation |
| Mittel (2M€-10M€ ARR) | 5-8x | Profitabilität, Skalierbarkeit, Marktposition |
| Groß (>10M€ ARR) | 7-15x | Marktführerschaft, Wachstumspotenzial, IP-Wert |
Customer Lifetime Value (CLTV)
Der Kundenwert über die gesamte Beziehungsdauer ist ein weiterer wichtiger Bewertungsfaktor. Ein hoher CLTV signalisiert potenziellen Käufern, dass das Unternehmen langfristig profitabel arbeitet. Die Formel zur Berechnung lautet:
CLTV = (Durchschnittlicher Umsatz pro Kunde × Bruttomarge) ÷ Churn Rate
Käufer achten besonders auf das Verhältnis zwischen Customer Acquisition Cost (CAC) und CLTV. Ein gesundes Verhältnis liegt bei mindestens 3:1 (CLTV:CAC).
Nischenspezifische Bewertungsfaktoren
Je nach Marktsegment können weitere Faktoren den Wert Ihres SaaS-Unternehmens beeinflussen:
- B2B vs. B2C Ausrichtung (B2B-SaaS erzielt oft höhere Multiplikatoren)
- Vertikale vs. horizontale Lösungen (Nischenlösungen können höhere Bewertungen erzielen)
- Technologische Innovationen und Patente
- Marktgröße und Wachstumspotenzial
- Kundenbindung und Net Revenue Retention (NRR)
“Die Rule of 40 ist ein wichtiger Indikator für SaaS-Investoren. Wenn die Summe aus Wachstumsrate und Profitabilität über 40% liegt, steigt die Attraktivität Ihres Unternehmens erheblich.”
Vorbereitungs-Checkliste für den Unternehmensverkauf
Eine gründliche Vorbereitung ist entscheidend, um den maximalen Wert beim Verkauf Ihres SaaS-Unternehmens zu erzielen. Beginnen Sie idealerweise 12-18 Monate vor dem geplanten Verkauf mit der Optimierung folgender Bereiche:
Finanzielle Dokumentation
Potenzielle Käufer werden Ihre Finanzen genauestens prüfen. Bereiten Sie folgende Unterlagen vor:
- Bereinigte Gewinn- und Verlustrechnungen der letzten 3 Jahre
- Detaillierte Aufschlüsselung der wiederkehrenden vs. einmaligen Umsätze
- Churn-Rate-Analyse mit Trends und Gegenmaßnahmen
- Customer Acquisition Cost (CAC) und Amortisationszeitraum
- Cashflow-Prognosen für die nächsten 24-36 Monate
- Vollständige Dokumentation aller Ausgaben und Verbindlichkeiten
Praxistipp: Engagieren Sie einen auf SaaS spezialisierten Wirtschaftsprüfer, um Ihre Finanzen “verkaufsreif” aufzubereiten. Dies erhöht das Vertrauen potenzieller Käufer und beschleunigt die Due-Diligence-Phase.
Rechtliche Due Diligence

Rechtliche Klarheit ist für Käufer von entscheidender Bedeutung. Stellen Sie sicher, dass folgende Aspekte geklärt sind:
- Eindeutige IP-Eigentumsrechte an allen Softwarekomponenten
- Nachweis der DSGVO-Konformität und Datenschutzpraktiken
- Saubere Vertragsbeziehungen mit allen Mitarbeitern und Freelancern
- Dokumentierte Lizenzvereinbarungen für Drittanbieter-Software
- Klare Kundenverträge mit definierten Laufzeiten und Kündigungsfristen
- Überprüfung auf potenzielle Rechtsstreitigkeiten oder Haftungsrisiken
Ein reales Beispiel: Ein deutsches SaaS-Startup verlor 30% seines Verkaufswertes, weil ein ehemaliger Entwickler Ansprüche auf Teile des Quellcodes erhob. Eine saubere rechtliche Dokumentation hätte dies verhindert.
Operative Bereitschaft

Käufer suchen nach SaaS-Unternehmen, die auch ohne den Gründer reibungslos funktionieren:
- Dokumentierte Prozesse für Entwicklung, Kundenservice und Marketing
- Stabiles Führungsteam, das unabhängig vom Gründer agieren kann
- Automatisierte Systeme für Kundenakquise und Onboarding
- Skalierbare Infrastruktur mit klarer Technologie-Roadmap
- Transparente Dokumentation der Codebasis und Entwicklungspraktiken
- Nachweisbare Redundanzen bei kritischen Systemen und Prozessen
“Der größte Fehler, den SaaS-Gründer beim Verkauf machen, ist die Unterschätzung der Bedeutung dokumentierter Prozesse. Käufer zahlen einen Aufschlag für Unternehmen, die nicht vom Gründer abhängig sind.”
Verkaufskanäle für SaaS-Unternehmen

Die Wahl des richtigen Verkaufskanals kann den Unterschied zwischen einem durchschnittlichen und einem herausragenden Exit ausmachen. Jeder Kanal hat spezifische Vor- und Nachteile:
M&A-Berater und Broker
Spezialisierte M&A-Berater für SaaS-Unternehmen können den Verkaufsprozess professionell steuern und haben Zugang zu qualifizierten Käufern.
Vorteile
- Zugang zu vorqualifizierten Käufern
- Professionelle Verkaufsunterlagen
- Verhandlungsexpertise
- Höhere Verkaufspreise durch Wettbewerb
Nachteile
- Hohe Provisionen (meist 8-12% des Verkaufspreises)
- Längerer Verkaufsprozess
- Weniger Kontrolle über den Prozess
Beispiel: Ein B2B-SaaS für Projektmanagement erzielte durch einen spezialisierten M&A-Berater einen 40% höheren Verkaufspreis als ursprünglich erwartet, da mehrere strategische Käufer in einen Bieterwettbewerb traten.
Direkte Akquisition
Die direkte Ansprache potenzieller strategischer Käufer kann besonders effektiv sein, wenn Ihr SaaS-Unternehmen eine klare Ergänzung zu deren Produktportfolio darstellt.
Vorteile
- Keine oder geringe Provisionen
- Potenziell schnellerer Abschluss
- Direkte Kommunikation mit Entscheidern
- Möglichkeit für strategische Prämien
Nachteile
- Begrenzte Käuferbasis
- Schwächere Verhandlungsposition
- Hoher Zeitaufwand für den Gründer
Tipp: Erstellen Sie eine Liste von 10-15 strategischen Käufern, die von Ihrer Technologie, Kundenbasis oder Ihrem Marktanteil profitieren könnten.
Online-Plattformen
Spezialisierte Marktplätze wie FE International, MicroAcquire oder Quiet Light haben sich auf den Verkauf von SaaS-Unternehmen spezialisiert.
Vorteile
- Große Reichweite zu interessierten Käufern
- Standardisierte Prozesse
- Teilweise niedrigere Provisionen
- Schnellere Transaktionen möglich
Nachteile
- Weniger persönliche Betreuung
- Viele unqualifizierte Anfragen
- Oft niedrigere Multiplikatoren
Beispiel: Ein Nischen-SaaS für Zeiterfassung mit 300K€ ARR wurde über FE International innerhalb von 45 Tagen für das 3,5-fache des ARR verkauft.
Branchennetzwerke
Persönliche Netzwerke und Branchenveranstaltungen können diskrete Verkaufsmöglichkeiten eröffnen, besonders für spezialisierte SaaS-Lösungen.
Vorteile
- Vertrauensbasierte Transaktionen
- Diskrete Verkaufsprozesse
- Oft geringere Transaktionskosten
- Besseres kulturelles Matching
Nachteile
- Begrenzte Käuferauswahl
- Stark abhängig von bestehenden Kontakten
- Schwer zu skalieren
Tipp: Bauen Sie frühzeitig Beziehungen zu potenziellen Käufern auf, indem Sie auf Branchenveranstaltungen präsent sind und Ihr Expertenwissen teilen.
Verhandlungstaktiken beim Unternehmensverkauf
Die Verhandlungsphase entscheidet maßgeblich über den finanziellen Erfolg Ihres Exits. Berücksichtigen Sie diese SaaS-spezifischen Aspekte:
Earn-Out-Vereinbarungen
Bei SaaS-Unternehmen sind Earn-Out-Modelle besonders häufig, da sie das Risiko für den Käufer reduzieren und dem Verkäufer die Chance auf einen höheren Gesamtpreis bieten.
- Strukturieren Sie Earn-Outs basierend auf realistisch erreichbaren KPIs
- Achten Sie auf klare Definitionen der Erfolgskennzahlen (z.B. Kundenbindung statt nur Umsatz)
- Begrenzen Sie die Earn-Out-Periode auf maximal 2 Jahre
- Sichern Sie sich Mitspracherecht bei strategischen Entscheidungen während der Earn-Out-Phase
- Verhandeln Sie einen substanziellen Anteil als Sofortzahlung (idealerweise >60%)
Fallbeispiel: Der Gründer eines Marketing-Automatisierungs-SaaS verhandelte einen Earn-Out, der zu 70% auf Kundenbindung und nur zu 30% auf Neukundengewinnung basierte. Dies schützte ihn vor unrealistischen Wachstumserwartungen und fokussierte auf die Stärke seines Unternehmens.
Übergangsperioden

Die Übergangsphase nach dem Verkauf ist bei SaaS-Unternehmen besonders kritisch, da Produktwissen, Kundenbeziehungen und technisches Know-how übertragen werden müssen.
- Definieren Sie klar Ihre Rolle und Verantwortlichkeiten während der Übergangszeit
- Vereinbaren Sie realistische Zeitrahmen für die Wissensübergabe
- Strukturieren Sie die Vergütung für die Übergangszeit separat vom Kaufpreis
- Erstellen Sie detaillierte Übergabepläne für kritische Bereiche wie Entwicklung und Kundensupport
- Berücksichtigen Sie die Einarbeitung des neuen Teams in technische Schulden und Roadmap
SaaS-spezifische Deal-Breaker
Bestimmte Aspekte können bei SaaS-Transaktionen besonders problematisch sein und sollten frühzeitig adressiert werden:
| Potenzieller Deal-Breaker | Präventive Maßnahme |
| Hohe Kundenkonzentration (>20% des ARR von einem Kunden) | Diversifizieren Sie die Kundenbasis vor dem Verkauf; alternativ spezielle Vertragsklauseln für Schlüsselkunden aushandeln |
| Technische Schulden und veraltete Architektur | Transparente Dokumentation und Modernisierungsplan erstellen; ggf. kritische Updates vor dem Verkauf durchführen |
| Datenschutzprobleme oder fehlende DSGVO-Konformität | Datenschutz-Audit durchführen und Mängel beheben; Compliance-Dokumentation erstellen |
| Unklare Eigentumsrechte an der Technologie | IP-Rechte mit allen Beteiligten (Entwickler, Partner) schriftlich klären |
| Steigende Churn-Rate oder sinkende Conversion | Ursachenanalyse durchführen und Gegenmaßnahmen dokumentieren; Trendwende vor Verkauf einleiten |
Überlegungen für die Zeit nach dem Verkauf

Der erfolgreiche Verkauf Ihres SaaS-Unternehmens ist nicht das Ende der Geschichte. Planen Sie frühzeitig für die Zeit danach:
Steuerliche Implikationen
Die steuerliche Gestaltung kann erheblichen Einfluss auf Ihren Netto-Verkaufserlös haben:
- Konsultieren Sie frühzeitig einen auf Unternehmensverkäufe spezialisierten Steuerberater
- Prüfen Sie Möglichkeiten zur Nutzung des Teileinkünfteverfahrens
- Evaluieren Sie unterschiedliche Verkaufsstrukturen (Asset Deal vs. Share Deal)
- Berücksichtigen Sie internationale Steueraspekte bei ausländischen Käufern
- Planen Sie die Reinvestition von Verkaufserlösen steueroptimiert
Wichtig: Die steuerliche Optimierung sollte mindestens 12 Monate vor dem geplanten Verkauf beginnen. Kurzfristige Änderungen können von Finanzbehörden als Gestaltungsmissbrauch eingestuft werden.
Wettbewerbsverbote und Einschränkungen
Fast alle SaaS-Akquisitionen beinhalten Wettbewerbsverbote für den Gründer. Beachten Sie folgende Aspekte:
- Verhandeln Sie klare zeitliche Begrenzungen (typischerweise 2-3 Jahre)
- Definieren Sie den Geltungsbereich präzise (Branche, Technologie, Kundengruppen)
- Achten Sie auf geografische Einschränkungen, besonders bei internationalen Käufern
- Sichern Sie sich die Möglichkeit, in angrenzenden Märkten tätig zu werden
- Klären Sie die Bedingungen für Beratungstätigkeiten in der Branche
Ein deutscher SaaS-Gründer konnte sein Wettbewerbsverbot auf die spezifische Nische seines verkauften Produkts beschränken, was ihm ermöglichte, in verwandten Bereichen ein neues Startup zu gründen, ohne das Verbot zu verletzen.
Gründer-Legacy und Zukunftsplanung
Der Verkauf Ihres SaaS-Unternehmens markiert einen bedeutenden Lebensabschnitt. Planen Sie bewusst für die Zeit danach:
- Definieren Sie Ihre persönlichen und beruflichen Ziele für die Post-Exit-Phase
- Erwägen Sie Mentoring- oder Investorenrollen in der Startup-Community
- Planen Sie die finanzielle Verwaltung des Verkaufserlöses langfristig
- Berücksichtigen Sie emotionale Aspekte des Loslassens Ihres Unternehmens
- Entwickeln Sie eine Vision für Ihre nächsten beruflichen Schritte
“Der emotionale Aspekt des Verkaufs wird oft unterschätzt. Bereiten Sie sich darauf vor, dass Ihr ‘Baby’ unter neuer Führung eine andere Richtung einschlagen könnte. Diese Loslösung erfordert mentale Vorbereitung.”
Bereiten Sie Ihren erfolgreichen Exit vor
Sie erhalten eine strukturierte Bewertung der Verkaufsreife Ihres SaaS-Unternehmens und konkrete Handlungsempfehlungen zur Wertsteigerung.
Fazit: Der Weg zum erfolgreichen SaaS-Exit

Der Verkauf eines SaaS-Unternehmens ist ein komplexer Prozess, der sorgfältige Planung und strategisches Vorgehen erfordert. Die Besonderheiten des SaaS-Geschäftsmodells – wiederkehrende Umsätze, Kundenbindung und Skalierbarkeit – bieten einzigartige Chancen, aber auch Herausforderungen beim Exit.
Beginnen Sie frühzeitig mit der Vorbereitung, idealerweise 12-18 Monate vor dem geplanten Verkauf. Optimieren Sie Ihre Kennzahlen, dokumentieren Sie Prozesse und stellen Sie sicher, dass Ihr Unternehmen auch ohne Sie funktionieren kann. Wählen Sie den Verkaufskanal, der am besten zu Ihrer Situation passt, und bereiten Sie sich gründlich auf Verhandlungen vor.
Vergessen Sie nicht die Zeit nach dem Verkauf zu planen – von steuerlichen Aspekten bis hin zu Ihrer persönlichen und beruflichen Zukunft. Mit der richtigen Vorbereitung und Strategie können Sie den Wert Ihres SaaS-Unternehmens maximieren und einen erfolgreichen Exit realisieren, der Ihren Zielen und Ihrer Vision entspricht.

