
Die Ermittlung des Unternehmenswerts ist ein entscheidender Schritt bei Verkauf, Nachfolge oder strategischen Entscheidungen. Doch welche Bewertungsmethode ist die richtige für Ihr Unternehmen? Dieser Leitfaden gibt Ihnen einen umfassenden Überblick über aktuelle Bewertungsverfahren, deren praktische Anwendung und die neuesten Trends für 2026.
Die 5 wichtigsten Methoden zur Unternehmensbewertung
Um den Wert eines Unternehmens zu ermitteln, haben sich verschiedene Verfahren etabliert. Je nach Branche, Unternehmensgröße und Bewertungszweck eignen sich unterschiedliche Methoden. Im Folgenden stellen wir die fünf wichtigsten Bewertungsverfahren vor.
1. Discounted-Cashflow-Verfahren (DCF)
Das DCF-Verfahren ist eine zukunftsorientierte Methode, die auf der Annahme basiert, dass der Unternehmenswert durch die zukünftigen finanziellen Überschüsse bestimmt wird. Diese werden auf den heutigen Zeitpunkt abgezinst.
Der Wert eines Unternehmens entspricht der Summe aller zukünftigen, auf den Bewertungsstichtag abgezinsten Free Cashflows.
Die Formel lautet: Unternehmenswert = Summe der abgezinsten zukünftigen Free Cashflows + Restwert
2. Multiplikatorverfahren
Das Multiplikatorverfahren ist ein marktorientiertes Bewertungsverfahren, bei dem der Unternehmenswert durch Vergleich mit ähnlichen Unternehmen ermittelt wird. Dabei werden Kennzahlen wie EBIT (Gewinn vor Zinsen und Steuern) oder Umsatz mit branchenspezifischen Faktoren multipliziert.
Die gängigsten Multiplikatoren sind:
- EBIT-Multiple: Unternehmenswert = EBIT × Branchenfaktor
- EBITDA-Multiple: Unternehmenswert = EBITDA × Branchenfaktor
- Umsatz-Multiple: Unternehmenswert = Umsatz × Branchenfaktor
Für die Berechnung wird typischerweise der Durchschnitt aus sechs Jahren gebildet: den letzten zwei Jahren, dem aktuellen Jahr und den prognostizierten Werten der kommenden drei Jahre.
3. Substanzwertverfahren
Das Substanzwertverfahren bewertet ein Unternehmen anhand seiner materiellen Vermögenswerte. Der Substanzwert ergibt sich aus der Summe aller Vermögensgegenstände abzüglich der Schulden.
Es gibt zwei Varianten:
- Teilreproduktionswert: Bewertung des betriebsnotwendigen Vermögens nach Wiederbeschaffungskosten abzüglich Schulden
- Vollreproduktionswert: Teilreproduktionswert zuzüglich immaterieller Wirtschaftsgüter und Firmenwert
Dieses Verfahren eignet sich besonders für Unternehmen mit hohem Anlagevermögen, wie Produktionsbetriebe oder Immobilienunternehmen.
4. Ertragswertverfahren
Das Ertragswertverfahren basiert auf der Annahme, dass der Wert eines Unternehmens durch seine zukünftige Ertragskraft bestimmt wird. Dabei werden die erwarteten zukünftigen Erträge mit einem Kapitalisierungszinssatz abgezinst.
Die Formel lautet: Ertragswert = Nachhaltiger Jahresüberschuss ÷ Kapitalisierungszinssatz × 100
Der Kapitalisierungszinssatz setzt sich aus einem Basiszins (z.B. risikofreie Anlage) und einem Risikozuschlag zusammen. Für die Berechnung des nachhaltigen Jahresüberschusses werden die bereinigten Gewinne der letzten drei Jahre herangezogen.
5. Marktwertmethode
Die Marktwertmethode orientiert sich an tatsächlich erzielten Verkaufspreisen vergleichbarer Unternehmen. Sie ist besonders relevant, wenn aktuelle Marktdaten verfügbar sind.
Diese Methode ist in der Praxis oft schwer anzuwenden, da detaillierte Informationen über Unternehmensverkäufe selten öffentlich zugänglich sind. Sie wird daher häufig als Ergänzung zu anderen Bewertungsverfahren eingesetzt.
Vergleichende Analyse der Bewertungsmethoden
Jede Bewertungsmethode hat ihre Stärken und Schwächen. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die wichtigsten Vor- und Nachteile der verschiedenen Verfahren.
| Methode | Vorteile | Nachteile | Besonders geeignet für |
| DCF-Verfahren | Zukunftsorientiert, berücksichtigt Zeitwert des Geldes | Komplexe Berechnung, stark abhängig von Prognosen | Wachstumsunternehmen, Startups |
| Multiplikatorverfahren | Einfach anzuwenden, marktorientiert | Vereinfachend, erfordert vergleichbare Unternehmen | KMU, Standardbranchen |
| Substanzwertverfahren | Objektiv, basiert auf tatsächlichen Vermögenswerten | Vernachlässigt Ertragskraft, unterschätzt immaterielle Werte | Anlagenintensive Unternehmen |
| Ertragswertverfahren | Berücksichtigt Ertragskraft, etablierter Standard | Subjektive Annahmen bei Kapitalisierungszinssatz | Etablierte KMU, Dienstleister |
| Marktwertmethode | Realitätsnah, basiert auf tatsächlichen Transaktionen | Mangel an Vergleichsdaten, geringe Transparenz | Branchen mit hoher Transaktionsfrequenz |
Fallbeispiele: Unternehmensbewertung in der Praxis
Anhand von drei konkreten Beispielen zeigen wir, wie die verschiedenen Bewertungsmethoden in der Praxis angewendet werden und zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können.
Fallbeispiel 1: Produktionsunternehmen

Ein mittelständisches Produktionsunternehmen mit 45 Mitarbeitern und einem hohen Anlagevermögen (Maschinen, Gebäude) soll bewertet werden.
Angewendete Methoden:
- Substanzwertverfahren: 2,8 Mio. €
- Ertragswertverfahren: 3,2 Mio. €
- Multiplikatorverfahren: 3,5 Mio. €
Gewichtete Bewertung:
Substanzwert (30%): 840.000 €
Ertragswert (40%): 1.280.000 €
Multiplikatorwert (30%): 1.050.000 €
Gesamtwert: 3,17 Mio. €
Fallbeispiel 2: IT-Dienstleister

Ein wachsender IT-Dienstleister mit 25 Mitarbeitern, geringem Anlagevermögen, aber hohem Know-how und stabiler Kundenbasis soll bewertet werden.
Angewendete Methoden:
- DCF-Verfahren: 2,4 Mio. €
- Ertragswertverfahren: 2,1 Mio. €
- Substanzwertverfahren: 0,8 Mio. €
Gewichtete Bewertung:
DCF-Wert (50%): 1.200.000 €
Ertragswert (40%): 840.000 €
Substanzwert (10%): 80.000 €
Gesamtwert: 2,12 Mio. €
Fallbeispiel 3: Einzelhandelsgeschäft
Ein etabliertes Einzelhandelsgeschäft in guter Innenstadtlage mit langjähriger Kundenbindung und stabilem Umsatz soll bewertet werden.
Angewendete Methoden:
- Multiplikatorverfahren: 950.000 €
- Ertragswertverfahren: 880.000 €
- Marktwertmethode: 920.000 €
Gewichtete Bewertung:
Multiplikatorwert (40%): 380.000 €
Ertragswert (30%): 264.000 €
Marktwert (30%): 276.000 €
Gesamtwert: 920.000 €
Aktuelle Trends in der Unternehmensbewertung 2026
Die Methoden zur Unternehmensbewertung entwickeln sich kontinuierlich weiter. Für 2026 zeichnen sich folgende Trends ab:
Digitalisierung & KI
Künstliche Intelligenz und Big Data ermöglichen präzisere Prognosen und automatisierte Bewertungen. KI-gestützte Tools analysieren Marktdaten und identifizieren Trends, die traditionelle Methoden übersehen.
ESG-Faktoren
Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren fließen zunehmend in die Bewertung ein. Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftsmodellen erzielen höhere Bewertungen aufgrund geringerer Zukunftsrisiken.
Hybride Bewertungsmodelle
Die Kombination verschiedener Bewertungsmethoden wird zum Standard. Moderne Ansätze integrieren quantitative und qualitative Faktoren für ein ganzheitlicheres Bild des Unternehmenswerts.
Die Unternehmensbewertung entwickelt sich von einer rein finanziellen Betrachtung zu einer ganzheitlichen Analyse, die auch Zukunftsfähigkeit, Nachhaltigkeit und digitale Reife berücksichtigt.
Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Unternehmensbewertung
Die folgende Anleitung hilft Ihnen, den Wert Ihres Unternehmens systematisch zu ermitteln.

-
Datensammlung und -analyse
Sammeln Sie alle relevanten Finanzdaten der letzten 3-5 Jahre: Bilanzen, GuV, Cashflow-Rechnungen, Anlagenverzeichnisse und Planungsdaten. Bereinigen Sie außerordentliche Erträge und Aufwendungen.
-
Auswahl der geeigneten Bewertungsmethoden
Wählen Sie basierend auf Branche, Unternehmensgröße und Bewertungszweck die passenden Methoden aus. Für die meisten KMU empfiehlt sich eine Kombination aus Ertragswert– und Multiplikatorverfahren.
-
Durchführung der Bewertungen
Wenden Sie die ausgewählten Methoden an und dokumentieren Sie die Berechnungsschritte. Nutzen Sie realistische Annahmen für Prognosen und Kapitalisierungszinssätze.
Beispielrechnung Ertragswertverfahren:
Durchschnittlicher bereinigter Gewinn der letzten 3 Jahre: 200.000 €
Kapitalisierungszinssatz: 10% (Basiszins 2% + Risikozuschlag 8%)
Ertragswert = 200.000 € ÷ 10% × 100 = 2.000.000 € -
Gewichtung und Plausibilitätsprüfung
Gewichten Sie die Ergebnisse der verschiedenen Methoden entsprechend ihrer Relevanz für Ihr Unternehmen. Prüfen Sie die Plausibilität durch Vergleich mit Branchenkennzahlen.
-
Dokumentation und Interpretation
Erstellen Sie einen detaillierten Bewertungsbericht mit allen Annahmen, Berechnungen und Interpretationen. Dieser dient als Grundlage für Verhandlungen und strategische Entscheidungen.
Praktische Tipps für die Unternehmensbewertung von KMU
Besonders für kleine und mittlere Unternehmen gibt es einige Besonderheiten bei der Bewertung zu beachten:

Werttreiber identifizieren
- Stabile Kundenbeziehungen dokumentieren
- Alleinstellungsmerkmale herausarbeiten
- Zukunftspotenziale aufzeigen
- Digitalisierungsgrad bewerten
- Mitarbeiter-Know-how erfassen
Wertminderer vermeiden
- Abhängigkeit von Schlüsselpersonen reduzieren
- Veraltete Geschäftsmodelle modernisieren
- Unklare Rechtsverhältnisse bereinigen
- Investitionsstau beseitigen
- Dokumentationslücken schließen
Wert ist nicht gleich Preis! Der tatsächliche Verkaufspreis wird immer durch Angebot und Nachfrage sowie die Verhandlungspositionen der Parteien bestimmt.
Besonderheiten bei der Bewertung von Familienunternehmen
Bei Familienunternehmen spielen neben den finanziellen Aspekten oft emotionale Faktoren eine wichtige Rolle. Hier sollten Sie beachten:
- Trennung von Privat- und Betriebsvermögen
- Bereinigung des Gewinns um marktunübliche Gesellschaftergehälter
- Bewertung von familiären Verflechtungen und Nachfolgeregelungen
- Berücksichtigung von emotionalen Werten und Traditionen
Fazit: Der richtige Weg zur Unternehmensbewertung
Die Bewertung eines Unternehmens ist keine exakte Wissenschaft, sondern ein Prozess, der sowohl quantitative als auch qualitative Faktoren berücksichtigen muss. Ein methodischer Pluralismus – die Kombination verschiedener Bewertungsverfahren – führt in der Regel zu den zuverlässigsten Ergebnissen.
Entscheidend ist, dass die gewählten Methoden zum Unternehmen und zum Bewertungszweck passen. Während das Substanzwertverfahren für anlagenintensive Unternehmen relevant ist, eignen sich für dienstleistungsorientierte Betriebe eher das Ertragswert- oder DCF-Verfahren.
Für eine fundierte Bewertung empfiehlt sich in vielen Fällen die Unterstützung durch erfahrene Experten, die sowohl die methodischen Grundlagen als auch branchenspezifische Besonderheiten kennen.
Unverbindliches Beratungsgespräch vereinbaren
Lassen Sie sich von unseren Experten bei der Bewertung Ihres Unternehmens unterstützen. Wir helfen Ihnen, den realistischen Wert Ihres Unternehmens zu ermitteln.

